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Wolf-Dieter Holz  Impressum |

Einfach mal raus!


Tag 1

Als Einsatzstelle wurde Malczyce (Maltsch) gewählt, da dort einmal eine Fähre existierte. Auf dem Luftbild sah die Stelle gut aus. Wie das in der Natur sein könnte, sollte sich bald herauststellen... Pünktlich um 13:00 Uhr ging es los, nachdem der Galaxy der Ehefrau vollgeworfen wurde. Und das sah im Endergebnis nicht gut aus. Das sollte alles ins Boot?? Egal, wird schon gehen. Gegen 15:30 Uhr kamen wir in Maltsch an. Große Überraschung: An der Zufahrt der ehemaligen Fährstelle prangte ein Verbotsschild. Gut, das kann man kurzfristig zum Ausladen ignorieren. Weit schlimmer der Zustand. Die Oder führte Niedrigwasser, keine einzige gerade Fläche am Ufer, dafür jede Menge spitze Steine und Schlamm. Besser: Modder der übelsten Sorte. Westlich unmittelbar an der ehemaligen Fährrampe eine Spundwand mit landseitiger Betonfläche. Darauf fanden sich nach und nach Bewohner ein um zu sehen, was der Deutsche da treibt. Der örtliche Jugend-Kajakverein trainierte auf der Oder vor der Aufbaustelle. Großes Hafenkino war also angesagt. Angesichts der desolaten Situation haben die Zuschauer auch bekommen, was sie wollten. Still vor mich hinfluchend ist es mir trotzdem gelungen, das Boot irgendwie aufzubauen und erst einmal planlos alle Ausrüstung ins Boot zu werfen. Nur schnell weg hier... Der Ehefrau Tschüß gesagt, 17:30 Uhr am km 305 abgelegt und erst einmal stromauf. Da fehlt doch was? Ach so, vergessen, die Sitzbank einzubauen. Egal, geht erst mal auch so.


Schnell alles rein und los…


Ziel war erst einmal eine angemessene, ruhige Übernachtungsstelle zu finden und Ordnung in die Ausrüstung zu bringen. Am km 303 km gegen 18:00 Uhr den Strom tauchte am rechten Ufer in einer Buhne eine Sandbank auf. Gut, hier könnte es klappen. Angelandet und erst mal ausgeräumt und umsortiert.

Das muss alles rein


Dreck, Matsch und Modder


Nach einem verspäteten Anlegebier gab es Nudeln und für den nächsten Morgen wurde das Frühstücksei vorgekocht. Mit vollem Bauch denkt es sich auch besser über den Tag nach. Der Aufbau ist nach problemloser Anfahrt eher suboptimal gelaufen. Es kann nur besser werden.
Es wurde schnell dunkel am Fluß. Und feucht. Aber es blieb bei den 14°C, was auch den Mücken gefiel. Gegen 22:00 Uhr ging es in den Schlafsack.


Tag 2

Die Nacht war ruhig. Jedenfalls, wenn man von den Autorennen der Maltscher Jugend absieht, die in einiger Entfernung gefahren wurden. Also ausgeruht schnell einen Kaffee getrunken, das Boot neu sortiert beladen. Beim Kaffetrinken Krach in der Buhne nebenan. Die Ursache kam wenig später um den Buhnenkopf, ein polnischer Angler mit Ruderboot. Ein paar freundliche Worte über das Woher und Wohin und los ging es. Zuerst einmal gegen den Strom bis zum km 301, um den Schleusenneubau zu bewundern. Bei der Ortschaft Rzeczyca (Regnitz) entsteht am Nordufer seit Jahren eine neue Schleuse, die dann letzte auf dem Weg der Oder in Richtung Ostsee. Dadurch soll eine Verbesserung der Schiffbarkeit erreicht werden. Darauf wollte ich einen Blick werfen, denn eigentlich sollte diese Schleuse längst fertig sein. Also schnell bergauf, am km 301 angelandet und das Ufer erklommen. Und Enttäuschung: So viel hatte sich nach der Aufnahme der polnischen Luftbilder nicht getan. Geschäftiges Treiben auf einer Baustelle sieht wohl auch anders aus.


Die Baustelle


Von jetzt an geht es bergab…


Also habe ich auf eine genauere Betrachtung verzichtet. Von nun an ging es bergab, mit dem Strom der Oder. Was gestern gar nicht so bewußt wahrgenommen hatte: Überall in den Buhnen und am Ufer, aber auch im Strom, ragen Baumstämme heraus. Jetzt, bei Niedrigwasser, sind sie deutlich zu erkennen. Bei Normalpegel sollte das anders aussehen. Sie stellen dann eine erhebliche Gefahr fürs Boot dar, auch für größere.


Hindernisse


Und noch welche mitten im Strom…


Vorbei geht es am Maltscher Hafen. Er liegt am linken Ufer und war früher einmal ein bedeutender Kohlehafen im Gebiet Breslau. Heute, bei Niedrigwasser, macht er eher einen trostlosen Eindruck.


Hafen Maltsch bei Niedrigwasser


Nichts mit Befahren. Vorbei geht es an der Einsatzstelle. Die sieht vom Wasser aus noch weniger einladend aus als vom Ufer. Viel Zeit, über die Ursache der dreckigen Stiefel zu sinieren bleibt nicht, denn auf Höhe der Spundwand verlangt schnell fließendes Wasser die ganze Aufmerksamkeit.


Noch trostloser als gestern…


Es folgen im Verlauf der Ortschaft Maltsch noch weitere Engstellen. So auf Höhe des letzten Schornsteines und kurz vorm km 305.


Engstelle im Fahrwasser bei Maltsch


Wasserwander-Infrastruktur ist in Maltsch nicht vorhanden. Es gibt einen kleinen Anleger, der jedoch auch bei Normalpegel nur bedingt nutzbar scheint. Schafft man das Festmachen, kann man sich in Maltsch mit Lebensmitteln versorgen.


Anlegestelle Maltsch


Bei der weiteren Fahrt entlang des Ortes zeugen Industrieruinen vom wirtschaftlichen Niedergang des Ortes.


Ruine


Die Oder wendet sich nach Norden und am km 310 erwartet mich die erste Brücke. Sie verbindet Kawice (Koitz) mit Lubiaz (Leubus). Von beiden Orten ist vom Fluß aus erst einmal nichts zu entdecken. Bei der Brückendurchfahrt sollte man sich unbedingt an die Durchfahrtshinweise halten, rechtsseitig reichen die Hindernisse bis ans ausgeschilderte Fahrwasser heran.


Brücke


Auch hier gibt es Hindernisse


Kurz darauf ist auch die Kirche von Leubus zu entdecken. Sie ist nicht Bestandteil des berühmten Klosters der Stadt. Anlegemöglichkeiten bestehen in Leubus nicht. Auch ein Anlanden in den Buhnen ist schwierig, da sie vor allem aus Steinen und Modder bestehen und Sand nicht vorhanden ist.


Kirche Leubus


Das Fahrwasser muß auch um Leubus genau eingehalten werden, denn es finden sich diverse Unterwasserhindernisse. Auf eines bin ich draufgefahren, was einen gehörigen Schlag am Motor zur Folge hatte. Die sofortige Kontrolle ergab zum Glück keine größeren Schäden. Kurz vorm km 317 wartet eine weitere Engstelle im Fahrwasser.

Bei gutem Wetter ging es schnell weiter, wenn auch bis zum km 332 nichts nennenswertes zu sehen ist. Es geht halt voran.


Weiter zu Tal


Nicht schnell, aber immerhin


Dann kündigen zwei Brücken die Ortschaft Scinawa (Steinau an der Oder) an.


Brücke


Brücke


Unmittelbar hinter dem häßlichen Betonblock geht es am linken Ufer in den Hafen. In der Einfahrt gibt es Stege, wo man anlegen kann. Steinau mit seinen 10.000 Einwohnern bietet gute Versorgungsmöglichkeiten. Hier kann man bei Bedarf (und bei Normalpegel) bunkern und auch gut essen.


Hafen Steinau


Hafen Steinau


Weiter geht es zum km 347, wo linsseitig das kleine Dörfchen Laskow auftaucht. Zuvor gab es Flußkühe


Flußkühe


Laskow


Alt und neu


Kurz darauf folgt Chobienia (Köben an der Oder). Hier gibt es am km 350 eine Seilfähre. Nicht passieren, wenn sich die Fähre in Fahrt befindet!


Fähre


Fähre


Etwas vom Ort


Durchaus neu…


Am km 353 steht ein (ehemals deutscher) Bunker am Oderufer. Er war Bestandteil der sogenannten Oder-Stellung.


Ein Bunker


Am km 355 wartet eine Atrraktion. Noch jedenfalls. Es handelt sich um eine Hochseilfähre, die die Ortschaften Radoszyce und Ciechanow miteinander verbindet. Hochseilfähre heißt, das Seil zur Fortbewegung befindet sich nicht im, sondern über dem Fluß. Am rechten Ufer besteht nach Absprache eventuell eine der seltenen Slip- und Einsatzmöglichkeiten in diesem Abschnitt der Oder.


Hochseilfähre


Hochseilfähre


„Noch“ deshalb, weil kurz danach eine neue Brücke entsteht. Die Tage sind der Fähre sind also gezählt.


Brückenbaustelle


Brückenbaustelle


Am km 362 taucht am linken Ufer ein Haus von Rowna auf, dazu Angler. Zeit, langsam nach einer Übernachtungsstelle zu suchen.


Angler


Es wird Herbst


Die ist dann gegen 18:00 Uhr am km 376 am rechten Ufer gefunden. Allerdings erst im dritten Anlauf, zwei andere Stellen erwiesen sich als ungeeignet. Und dabei passierte es dann auch: Die Ehefrau rief an und fragte, ob ich schon in Deutschland sei... Na prima. Nein, bin ich noch nicht. Und ich treibe gerade auf eine Buhne zu. Also tschüß und bis später. Handy irgendwo hin gesteckt oder gelegt. Dem darauf folgenden Platschen beim hektischen Anwerfen des Motors habe ich keine Beachtung geschenkt. Erst nach dem Auspacken und der Vorbereitung der Nacht ergab sich die Frage: "Moment mal, wo ist eigentlich das Handy??" Eine Stunde später habe ich es dann zufällig unter einer Ausrüstungskiste wiedergefunden. Und in Folge sehr genau darauf aufgepaßt.


An der Übernachtungsstelle


An der Übernachtungsstelle


Zum Abendessen gabs Paprikagulasch, sehr lecker.


Der Tag in der Zusammenfassung: 87 km wurden geschafft, die Fahrt war teilweise wegen der vorhandenen Untiefen schwierig. Der Charakter des Stromes hat sich gewandelt. Er wurde breiter, die Landschaft weiter.

Bei 13 °C ging es um 22:00 Uhr ins Bett.