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Wolf-Dieter Holz  Impressum |

Einfach mal raus!

Tag 4


Heute ist ungeplanter Gammeltag. Es gilt endgültig festzulegen, wie es weitergehen soll.


Zuerst einmal ist einiges aus der Nacht nachzutragen. Der Mond, der abflauende Wind und die schwindende Wolkendecke verhießen Temperaturen im einstelligen Bereich.



Und so kam es dann letztlich auch, aber dafür war ich ja gerüstet. Ich habe mich entschlossen, im Boot zu übernachten. Niederschlage waren nicht zu erwarten.


Der Übernachtungsort selbst liegt ca. 7 km die Netze nach der Mündung stromauf auf Höhe einer kleinen Siedlung namens Stwolim. Das sind nur eine handvoll Gebäude hinter dem Deich. Es sollte also Ruhe herrschen. Das traf auch zu, jedenfalls in dieser ersten Nacht.


Am nächsten Morgen war das alte Wetter wiederhergestellt. Fast jedenfalls. Wind, bedeckter Himmel, ein paar Sonnenstrahlen zwischendurch.



Chaos


Kaffee gekocht und die Aufgaben für den Tag festgelegt. Den Wetterbericht sollte ich mir mal anhören. Und die nächste Nacht will ich nicht schon wieder im Boot schlafen. Daneben vielleicht noch ein bißchen Angeln. Also los...

Die einfachste Aufgabe sollte die mit dem Wetterbericht sein. Ich habe schließlich einen Weltempfänger mit. Da mein polnisch eher rudimentär ist und nicht ausreicht, den Wetterbericht zu deuten, muß ich auf einen deutschen Sender ausweichen. Das ist tagsüber nur im Langwellenbereich sinnvoll. Grundsätzlich gibt es zwei deutsche Sender, DLF auf 153 kHz und DLR Kultur auf 177 kHz. Auf 153 kHz ist an der Warthe nichts emfangbar, bleibt also nur Deutschlandradio Kultur. Der kommt fast in UKW-Qualität an. Was aber nicht sonderlich hilfreich ist, denn der Wetterbericht ist an Banalität eigentlich nicht mehr zu überbieten. Außer vielleicht mit dem Satz "Morgen wird Wetter". Da kann man nichts entnehmen. Allerdings werden zu bestimmten Zeiten Seewetterberichte gesendet, die das Gebiet Boddengewässer Ost einschließen und aus denen man zumindest grob auf die Wetterentwicklung schließen kann.


Der Blick auf die Armbanduhr ist auch hilfreich und verheißt nichts Gutes:




Es geht weiter bergab mit dem Luftdruck. Also werde ich dann doch eine Übernachtung am Ufer vorbereiten. Dafür kommt das Tarp zum Einsatz. Für diejenigen, die den Begriff nicht kennen: Dabei handelt es sich um nichts weiter als ein Stück Zeltstoff (meines: 3x3 m, etwas mehr als 500 Gramm schwer), das in XX Varianten am Ufer als Wind- und Nässeschutz gespannt werden kann.



Hier habe ich es schon mal hingeworfen. Mit vorhandenen (hier: Bootshaken und Kescher) oder eben am Ufer gefundenen Materialien wird es dann gespannt. Zum Schluß sah es so aus:





Und so sieht es von der anderen Seite aus.


Darunter kommt der Schlafsack und gut ist es.

Zwischendurch gab es Besuch:



Die Übernachtung ist also gesichert, auch wenn es regnen sollte. So ein Tarp halte ich für optimal. In den kommenden beiden Tagen werde ich es auch wieder nutzen, wenn auch in anderen Aufbauvarianten.


Zwischendurch immer wieder ein prüfender Blick auf den Fluß.




Da treibt allerlei vorbei, auf das man besser nicht mit einem kleinen Schlauchboot auffährt. Eine Beobachtung, die ich auch in den letzten Tagen gemacht hatte.



Zeit, an das Essen zu denken. Es sollte Fisch geben, und Fische waren auch zu fangen. Nur - sie waren ungenießbar. Was immer sich da auch in die Rotfeder gebohrt und sich in ihr festgesetzt hat - für den menschlichen Verzehr scheint das wohl nicht geeignet. Ich kenne den Parasiten nicht und werde mal bei Spezialisten anfragen. Also gab es am Abend dann doch wieder Fertigkost.



Was auch die Frage beantwortet, warum ich diesen gußeisernen, beschichteten, aber schweren Topf mitgenommen habe. Nichts geht über gutes Essen im Nirgendwo.


Kurz nach 16:00 Uhr nahen sich Motorengeräusche. Auf dem Wasser! Das erste (und letzte) Boot, was ich auf der Netze zu sehen bekommen werde.



Hier mußte ich ein wenig Bildbearbeitung betreiben. Auf dem Boot fehlen die Aufschriften des deutschen Vercharterers und auch die Personen sind gesichtslos. Man zog mit 7 bis 10 km/h vorbei und würdigte den Polen da am Ufer keines Blickes. Dafür schaute man mit einem 500-Euro-Glas in die Gegend und zog eine Schleppangel hinter sich her. Macht auch Sinn bei 10 km/h gegen den Strom. Ohne Worte…


Zeit, sich Gedanken über die eigene Tour zu machen. Die Erkenntnis ist schnell gewonnen: Hier ist Schluß. Die Begründung ist relativ einfach: Die Strömungsgeschwindigkeit sowohl von Warthe als auch besonders die von der Netze habe ich nicht geprüft. Weitere 200 km gegen die Strömung bis zum Abzweig im Bromberger Kanal sind nicht machbar. Beim besten Willen nicht. Sowohl die Zeitplanung (Verpflegung!) als auch der Spritverbrauch laufen dabei völlig aus dem Ruder. Dazu kommen die Wetterbedingungen, die das Ganze nicht unbedingt zu einer erfreulichen Tour werden lassen. Ich habe jede Menge Wasser ins Boot bekommen und auch das Auflaufen vor Landsberg war letztlich einer Windböe geschuldet. Und natürlich meiner eigenen Dummheit. Ich werde also umkehren. Etwas anderes macht keinen Sinn. Gern treffe ich die Entscheidung nicht. Aber es ist unvermeidlich: Ab morgen geht es zurück.


Passend zur Stimmung und zur Luftdrucktendenz auf der Armbanduhr fing es dann auch zu Regnen an.



Der schwache, aber stetige Landregen hielt sich dann auch bis zum Morgen. Gut, das ich das Tarp aufgebaut habe. Morgen geht es zurück.